In dieser Wohnung hat jedes Zimmer
einen anderen Besitzer.
Obwohl sie gemeinsam in einer Wohnung leben,
war keiner je im Zimmer des anderen.
Stellen Sie sich vor, Sie müssten mit ihrer Familie in einem einzigen Zimmer wohnen und sich Küche, Bad und Telefon mit bis zu zwei Dutzend weiteren Personen teilen. In St. Petersburg ist das nicht ungewöhnlich, sondern ein Relikt aus den Zeiten der sowjetischen Normzuteilung und noch lange nicht Vergangenheit. Ungeübt im Umgang mit Besitz aber jahrzehntelang trainiert im Ergattern von staatlichen Zuteilungen, setzt das Ausloten eines angemessenen Marktwertes für die einzelnen Zimmer dieser Wohnung eine Dynamik in Gang, die das Verhältnis aller Beteiligten noch ein letztes Mal auf die Probe stellt. Nun geht es nicht mehr darum, wer wie lange morgens das Bad blockiert oder die Küche mit besonders strengen Essensdüften verpestet. Jetzt, da sich ihre Wege unwiderruflich trennen, will jeder das Optimale für sich herausholen und scheut dabei vor nichts zurück. Denn entweder es ziehen alle aus, oder keiner! Diese Suche nach immer neuen Lösungsansätzen entwirrt der Film, indem er jedem Erzählstrang geduldig nachgeht. Anstatt seine Protagonisten moralisierend zu verzerren - hier die profitgierigen Makler, dort die ohnmächtigen Bewohner der Kommunalwohnung - bleibt er ihnen dicht auf den Fersen und zeigt sie im Kontext einer Bewegung, die die einstigen Nachbarn in alle Himmelsrichtungen auseinander führt. Weil sich pereSTROIKA gerade auf die Details des existenziellen Kampfs seiner Protagonisten um ein neues Zuhause einlässt, entwirft der Film ein Bild davon, wie sich freie Marktwirtschaft in Russland heute anfühlt.
> Der Film wurde am 29.10.2008 auf dem Int. Festival für Dokumentarfilm Leipzig im Deutschen Wettbewerb uraufgeführt.
> Einführungsrede von Gerd Ruge anlässlich der NRW-Premiere am 2.2.09 im Filmforum im Museum Ludwig Köln.
Gesa Marten gewinnt mit "pereSTROIKA - umBAU einer Wohnung" bei film+ den Preis für die beste Montage in der Kategorie Dokumentarfilm.
Die Begründung der Jury: Wir sehen einen Film, der mit einem überzeugenden filmischen Konzept menschliche Beziehungen mit gesellschaftlichen Umwälzungen verknüpft. Der Schnitt führt uns mit sicherer Hand durch den chaotischen Prozess eines Wohnungsverkaufs in Russland, zeigt uns die Konflikte zwischen den Bewohnern und die skurril anmutenden Verhandlungsstrategien der Maklerinnen. Mit sparsamen Mitteln, großem Vertrauen in die Protagonisten, einem Gefühl für den Raum und dem Blick für situative Momente strukturiert die Montage das scheinbar undurchschaubare Geflecht von Forderungen, Erwartungen und Notwendigkeiten, ohne dabei in Klischees zu verfallen.Festivalteilnahmen: Dok Leipzig / Visions du Réel, Nyon /Crossing Europe Linz / Hot Docs Toronto / Planet Doc Review, Warschau / Documenta Madrid / Festival des dt. Films Buenos Aires / Festival des deutschsprachigen Films Prag / Global Visions Film Festival, Edmonton / Margaret Mead New York / / 26. Kasseler Dokumentarfilmfest / film+ / Artdocfest Moskau / One World IFF Prag / Beldocs Belgrade
> Die Filmbewertungsstelle Wiesbaden vergibt pereSTROIKA das Prädikat "besonders wertvoll" und erklärt ihn zum Dokumentarfilm des Monats.
Begründung: "pereSTROIKA erzählt eindrucksvoll und höchst unterhaltsam aus dem Mikrokosmos des russischen Alltags und dabei lernt der Zuschauer viel über die tatsächliche Befindlichkeit der russischen Gesellschaft. Staunend erfährt man, dass aus Mangel an Wohnraum in Petersburg auch heute noch Einzelpersonen wie auch ganze Familien gezwungen sind, sich mit mehreren Parteien eine Wohnung zu teilen und dabei meist nur ein Zimmer bewohnen. In ihrem äußerst authentischen Dokument schafft es die Filmemacherin ganz nah an diese sonst eher verschlossenen Bewohner heranzutreten, ihre Situation zwischen der kommunistischen Wohnform und der rauen, kapitalistischen Lebenswirklichkeit zu schildern und damit zu nachhaltigen Überlegungen anzuregen. Ein ungewöhnlich intensiver Einblick in eine andere Lebenswirklichkeit." weiter
>Aktuelle Kinotermine
>DVD erscheint bei goodmovies!
Buch & Regie Christiane Büchner
Kamera Irina UralskajaTon Alexej Antonov
Montage Gesa MartenDramaturgie Herbert SchwarzeMusik Dietmar Bonnen und Andreas SchillingChor Les SaxosythesRedaktion Jutta Krug (WDR) und Beate Schönfeldt (MDR)Produktionsleitung Vladimir Chaunin
Produzent Tobias BüchnerKoproduzenten WDR und MDRVerleih RealFiction, Joachim KühnFilmförderung Filmstiftung NRW, BKM, Gerd Ruge Projektstipendium
Länge: 84 min
Format: HD/35mm, Russisch mit dt./engl. Untertiteln
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